TIRESIAS | Ohne Sicht

Konzert im Dunkeln mit Vermittlungsprojekt

15. Oktober 2021, 19:30 Uhr, Haus Quillo, Norduckermark

23. Oktober 2021, 16 Uhr, Musikakademie Rheinsberg, Theater

26. November 2021, 19:30 Uhr, Museum Dieselkraftwerk Cottbus

[…] Anstelle des genommenen Augenlichts das Künftige zu wissen […]
(Ovid, Metamorphosen, III, 337f.)

Programm:

Komponist/in Werk
Georg Friedrich Haas [* 1953] In ijj. Noct. für Streichquartett [2001]

Programmnotiz:

Erfordert die 100% Verdunkelung des Aufführungsorts. Zu Beginn wird eine ‚Dunkelprobe' abgehalten, damit Menschen, die sich in totaler Dunkelheit nicht wohl fühlen, vor Beginn den Saal verlassen können.

Die antike Figur des blinden Sehers Tiresias tritt mehrfach an prominenten Stellen in antiken Erzählungen auf. Er, der sich wie keiner vor ihm und wenige nach ihm, als er noch sehend war, zwischen weiblicher und männlicher Erscheinung wandelte, hat ein Erfahrungswissen wie kein Sehender. Er gibt Odysseus Auskunft aus dem Reich der Verstorbenen. Weit im Raum verteilt, nehmen wir uns selbst und dem Publikum die Sicht und spielen Haas' In ijj. Noct. wie vom Komponisten verlangt in stockfinsterer Dunkelheit. 2001 haben wir In ijj. Noct. In der Franzensfeste Bressanone uraufgeführt und seitdem 22x an verschiedensten Orten weltweit aufgeführt.

Kaum eine Komposition der letzten Jahrzehnte gibt so unmittelbar eine Antwort auf das Thema der „Safe Spaces?“ der Corona-Pandemie. Durch den Wegfall des Sehens wird der geforderte Mindestabstand irrelevant für das Konzerterlebnis – die aus den vier Ecken des Saales kommenden Klänge der Quartettmitglieder unterliegen hinsichtlich der Wahrnehmung von Nähe und Ferne anderen Gesetzmäßigkeiten, sodass wir im Raum während der 50 bis 60 Minuten Dauer intensiv miteinander verbunden sind.

Vermittlungsprojekt (Workshop) „Hören ohne Sehen. Eine Grenzerfahrung“:

Leitung: PD Dr. Simone Heilgendorff

Dieser Workshop bietet die seltene Gelegenheit, sich mit klanglich-musikalischer Kommunikation und Raumerfahrung bei kompletter Dunkelheit zu befassen, u.a. durch klangliche Äußerungen der Teilnehmenden und über Lautsprecher zugespielte Raum-Klänge bzw. Musik. Dabei verlagert sich der Wahrnehmungs-Fokus vom Visuellen auf das Auditive. Guides des lokalen Blinden- und Sehbehindertenverbandes unterstützen die Sehenden dabei tatkräftig, sich auch in einem stockdunklen Raum physisch zu bewegen, und berichten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz.

Der Workshop ist offen für alle, auch ohne oder mit minimaler musikalischer Vorbildung. Musikinstrumente können mitgebracht werden. Er ist in Kooperation mit einem Blindenverband geplant.