Leises Leuchten contra Opulenz
Musiktage: Begegnung zweier Interpretations-Kulturen

tj Hitzacker. Es bestehe aus unausgesprochenen Worten, unvollständigen Gesprächen, so hatte der Komponist Luciano Berio sein drittes Streichquartett »Notturno» beschrieben. Stille und Ruhe sind zentral in diesem eindringlichen Werk, das in Motiven aus vielfältig verwobenen Klanglinien, die sich gegenseitig immer wieder anders beleuchten, unaufdringlich Gefühlsmomente fokussieren - eine filigrane Musik, deren kleine Gesten am Rande des Schweigens schweben, die wie dem Verstummen abgerungen wirkt - die Mottozeile ».

» ..Ihr das erschwiegene Wort...», Schlusszeile von Paul Celans Gedicht »Argumentum et silencio», weist dafür den Weg. Das »Notturno» (wohl nicht ganz zufällig ist dieser Titel auch ein Verweis auf die in der Grundstimmung ähnlichen »Métamorphoses nocturnes» von Ligeti) stand im Mittelpunkt des Incontro Berio - Schubert beim Sonntagabendkonzert der Sommerlichen Musiktage in Hitzacker; das Berliner Kairos Quartett (Wolfgang Bender und Chatschatur Kanajan, Violinen; Simone Heilgendorff, Viola; Claudius von Wrochem, Violoncello) spielte den gedämpften Tonfall mit leisem Leuchten. Emotionale Tiefe verband sich dabei mit durchdachter Aufmerksamkeit, die jede Facette des Klangs klar konturierte. Eine so technisch faszinierende wie emotional berührende Interpretation, die dem Werk in jeder Hinsicht gerecht wurde. »Berio ist gleichzeitig Kind, Poet, Träumer und Musiker», bereitet das Programmheft die Begegnung der Musik Berios mit der Schuberts vor, indem es den Musikwissenschaftler Claude Rosset zitiert. Und schließt die Frage an »Trifft das nicht auf Schubert zu?» Das mag sein - doch dass Schuberts Poesie und seine Träume jenen Luciano Berios verwandt sind, das machte an diesem Abend nur die luzide, unprätentiöse und von ständiger Reflexion geprägte Interpretation des Quartettsatzes c-Moll (D 703) durch das Kairos Quartett ohne Abstriche, die des Notturno für Klaviertrio Es-Dur (D 897) des Evrus Trios wenigstens manchmal deutlich. Doch als das Evrus Trio dann das Klaviertrio Nr. 1 B-Dur (D 898) spielte, wurde klar, dass es durchaus möglich ist, Schuberts Musik so zu spielen, dass ihre Verwandtschaft mit der Berios nicht mehr wahrzunehmen ist. Soll diese erkennbar werden, braucht das Werk eine Interpretation, die dessen ohne Zweifel heiteren Grundcharakter bricht und ihn fragend behandelt, statt ihn nach dem Motto »er war halt lustiger Mensch, der Franzl Schubert» umstandslos und plakativ in den Vordergrund zu rücken. Nicht nur die zeitliche Nähe des Werkes zur »Winterreise», wegen der Francois-René Tranchefort es als Ausdruck einer »gewonnenen Schlacht über den Tod» bezeichnet, bietet Anlass dazu, die Heiterkeit nicht als eindeutig zu interpretieren. Die Leidenschaftlichkeit des Mittelteils des Andante könnte so gespielt werden, Spannungsbögen und Konflikte des Allegro vivace würden, entsprechend herausgestellt, auf die Untertöne jenseits der Heiterkeit verweisen. Stattdessen spielten Anton Barachovsky (Violine), Sergey Novikov (Violoncello) und Tinatin Gambashidze (Klavier) das Werk mit dem Gestus vergessender Seligkeit, setzten auf klangliche Opulenz, auf Rasanz, auf schöne Vibrati und perlendes Klavier. Dies alles souverän und auf hohem technischen Niveau - der starke Beifall belohnte wohl nicht nur dies.
T. Jannsen, Elbe-Jeetzel-Zeitung, 3.8.2004

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