Kompositionen

Konzeptstücke, die sich eher an musikalische Laien und SchülerInnen richten sind hier zu finden; sie verfolgen zwar auch primär einen musikalischen Ansatz, nehmen für sich aber nicht in Anspruch, Musikgeschichte zu schreiben.

Als Komponist bin ich Mitglied der AKM in Wien, obgleich ich mich nicht als Komponist betrachte. Die inflationäre Verwendung dieser Bezeichnung durch Improvisationsmusiker oder Videokünstler ist mir ausgesprochen zuwider, auch wenn es im Einzelfal schwierig sein mag, Konzeptkunst, Klanginstallation, Konzept-Improvisation und Komposition voneinander abzugrenzen. Ich habe durch meine langjährige Tätigkeit als Neue-Musik-Spezialist einen begründeten Respekt vor dem Beruf des Komponisten. Wenn ich mal ein Stück schreibe, dann nur, weil es ein Stück dieser Art nach meinem besten Wissen und Gewissen noch nicht gibt.

Rotationsszene für Jap-Fiddle und stationäres Publikum [2010] 8'

UA 2010 Klosterneuburg bei Wien durch Claudius v. Wrochem

DEA 2015 Aachen durch Claudius v. Wrochem


Das Stück entstand im Rahmen eines der "Utopie" gewidmeten Soloprogramms für Cello und Jap-Fiddle. Letztere ist ein einsaitiges Trichterinstrument, dessen Saite über einen Metallstift (anstelle eines Steges) geführt wird; der Klang wird nicht durch einen Resonanzkörper verstärkt sondern durch eine Membran und einen Schalltrichter. Dies ergibt einen sehr nasalen und gerichteten Klang.

Die Einschränkungen der Jap-Fiddle im Vergleich zum Cello bezüglich Klangfarben und Saitenzahl werden in der Rotationsszene wettgemacht durch die Verwandlung der üblicherweise statischen Platzierung eines Cellisten durch einen sich im Stehen drehenden Spieler. Es handelt sich also gewissermaßen um ein menschliches, eher langsam eingestelltes Leslie-Kabinett, welches statt eines Doppler-Effekts nur eine Abschattung erzeugt, wenn sich der Spieler mitsamt dem Schalltrichter dreht. Das Instrument muss hierfür angeschnallt werden.

Das Stück kann sowohl als Konzeptimprovisation wie auch als Komposition aufgeführt werden. Wenn – wie heute – ersteres der Fall ist, hat der Spieler zwar freie Hand in der Gestaltung der musikalischen Form und Dauer, muss jedoch gleichzeitig auf vier Ebenen improvisieren. Diese sind Rotation (Parameter links/rechts, Geschwindigkeit, Entfernung vom Publikum), Tonhöhe, Dynamik und Klangfarbe.

 

Beide Varianten des Stücks können auch auf anderen Trichter(streich)instrumenten gespielt werden.

 

 

Gans Nackt für einen Improvisationsmusiker und summende Streicher  [2018] 10'


UA Berlin 2018 mit Johannes v Wrochem und dem Kaios Quartett - Video-Mitschnitt


Gans Nackt habe ich meinem Bruder zum 50. Geburtstag gewidmet. Er ist ein sehr talentierter Improvisationsmusiker auf der E-Gitarre, spielt aber nie von Noten.

Die kompositorische Fragestellung war: Wie bringe ich auf Neue Musik spezialisierte Musiker (das Kairos Quartett) zusammen mit einem reinen Improvisationsmusiker, sodass eine Begegnung nicht dem kleinsten gemeinsamen Nenner entspricht, sondern beide auf der Höhe ihres Könnens agieren und miteinander kommunizieren.

Meine Lösung bestand darin, dem Streichquartett relativ viel Vorgaben zu machen und dem Improvisationsmusiker (fast) keine.

Die zeitliche Synchronisation besteht darin, dass Solist und Streichquartett sich immer abwechseln. Der Solist hat nur zwei Einschränkungen seiner Freiheit: wenn das Quartett einen in der Partitur definierten Klang erreicht hat, muss er einsetzen. Sobald das Quartett sein Solo unterbricht, muss er innerhalb weniger Sekunden sein Solo mit einem Fade-Out beenden.

Die Vorgaben des Quartetts sind unter Berücksichtigung der direkt vorangegangenen Tonhöhen des Solisten zu interpretieren. Alle vier müssen dem Solopart also intensiv folgen, um jederzeit einsatzbereit zu sein.

 

In der Version mit E-Gitarre kommt der Kontrast zwischen elektrisch verstärktem und elektronisch verändertem Klang und akustisch spielenden MusikerInnen hinzu. Der/die improvisierende MusikerIn kann fast jedes beliebige Instrument spielen oder die eigene Stimme verwenden. Nur die Instrumente des Streichquartetts sollten nicht für den Improvisationspart verwendet werden.